Donnerstag, 27. Oktober 2011

Stella, oder: Einkindpolitik und weitere Familienmodelle

Levi und ich sitzen auf der Terrasse des Commune by the Wall Restaurants und loungen in der Mittagssonne. Nach den realen und emotionalen Abenteuern der letzten Tage und Wochen ist mir irgendwie nach mit der Sonne um die Wette strahlen. Zum Glück scheint es Levi ähnlich zu gehen. Er erkrabbelt sich in aller Gemütlichkeit die verschiedenen Blumenbeete, die nach Provence duften und nach Südfrankreich mit einem Schuss chinesischer Gartenkunst aussehen: alles ist thymianig-buschig, durchzogen von lila und dunkelrosefarbenen Blüten, gekrönt von bambusartigen Wedeln, die mich an Sylter Strandgras erinnern.  Und es duftet nach Lavendel mit einer Prise Zitronengras. Hmmmm.

Ganz weit im Hintergrund meines Bildauschnittes sehe ich die chinesische Mauer – also mit Ecken verzierte Bergkuppen. Gerade als ich anfange den intensiven Kontakt zu anderen Menschen zu vermissen, so wie wir ihn im Zug, oder mit Natasha am Baikalsee, aber auch in der Mongolei mit den Campmanagerfamilien und anderen Gästen erlebt haben und darüber nachdenke, dass ich uns für den Abschluß unserer Reise noch eine Unterkunft mit chinesischem Familienanschluß suchen sollte, steht Stella vor mir. Levi sei soooo cute! sagt sie. Dann kniet sie sich vor ihn hin, breitet die Arme aus und erwartet, dass er zu ihr geflogen kommt. Macht er aber nicht. Sie spielt die fröhlich Beleidigte und versucht es immer und immer wieder. Dann fragt sie, ob wir was bestellen mögen. Es gibt Wasser und Gemüse für Levi sowie einen Tee für mich.

Als sie alles vor mir aufgebaut hat, greift sie Levi und entführt ihn zu einem besonders schönen Blumenbeet. Für den kam der Überfall so blitzartig, dass er nicht mal Zeit hatte, sich zu beschweren. Nur seine kritische Stirnfalte kann ich aus der Entfernung noch erkennen. Als ich schwanger war, habe ich es mir genauso vorgestellt. Einfach so weiterleben wie bisher. Nur bereichert durch ein Kind. Reisen, andere Leute kennenlernen. Lesen in der Sonne, das Kind spielt daneben. Markus und ich arbeiten fast normal weiter, nur genauso viel weniger, wie wir es eh reduzieren wollten. Suuuuper, dachte ich darum, als ich schwanger war. Jetzt wird alles noch schöner, relaxter und das Baby ist halt mit dabei.
Und nun sitze ich hier, mit Levi, an der chinesischen Mauer. Die Transsib mit abenteuerlichen Stopps am Baikalsee und in der Mongolei liegen hinter uns. Aber: der Schritt dahin war nicht so einfach, wie gedacht, denn: ich kannte niemanden, der so lebt, wie ich es mir gewünscht habe. Und das verunsichert schon. Insbesondere, wenn das Baby dann da ist. Und Viele davon berichten, dass von nun an alles anders sei. Und insbesondere Reisen erst mal unmöglich sei. Es sei denn, man will zur Ostsee. Oder maximal auf die Kanaren.

Aber auch der Alltag zu Hause: Irgendwie schwebte mir mehr oder weniger bewußt das skandinavische Modell vor: Mann und Frau arbeiten halb- bis dreivierteltags, kümmern sich gemeinsam, und haben Hilfe beispielsweise in Form von Babysittern, um auch Zeit für sich und füreinander zu haben. Nur leider kenne ich so wenig Menschen, also eigentlich niemanden, der so lebt. Und daher habe ich immer gezweifelt, ob es funktionieren kann. Für mich. Für uns.

Wieviele Kinder ich habe, fragt Stella und unterbricht meine Grübelei. Levi sitzt auf ihrer Hüfte und rupft an einer Blume herum.  Eines, sage ich, dankbar für die Unterbrechung. Stella nickt verständnisvoll. In China haben auch viele Menschen nur ein Kind, sagt sie. Und: Aber einige Menschen hätten gerne mehr. Wieviele Kinder sie denn möchte, frage ich. Sie lacht. Ich weiß nicht, sagt sie. Keines, eins oder zwei.

Im Moment wird in China diskutiert, die Ein-Kind-Politik zu Gunsten einer Zwei-Kind-Politik aufzugeben, habe ich gelesen. Überalterung droht und Probleme bei der Rentenversorgung. Außerdem führt die Ein-Kind-Politik zu schwierigem Sozialverhalten bei den Kinder-Königen, die bis zur Einschulung von ihren Eltern total verwöhnt und dann mit übermäßig ehrgeizigen Plänen traktiert werden. Schule, Musik, Sport, Forschungsprojekte. Keine Zeit für Freunde oder Spielen. Meist geht mit der Verwöhnung auch zu viel Essen und somit zunehmende Fettleibigkeit einher, habe ich gelesen. Außerdem fehlen geschätzten 20 % der jungen Männer eine Frau, da Söhne bei der bisher vorherrschenden Politik bevorzugt wurden und so Mädchen abgetrieben, weggegeben, ich will gar nicht darüber nachdenken, wurden. 
Also sind chinesische Männer eine echte Alternative für westliche weibliche Dauersingles?
Chinesische Männer seien sehr verwöhnt, sagt Stella.  Von ihren Müttern. Will sie deswegen vielleicht keine eigenen Kinder? Ich träume davon zu reisen, sagt sie. Und mit Kind sei das doch sicher schwierig? Ach sage ich, das geht schon. Man muß es einfach machen, dann findet sich vieles. Und lächle sie an.

Aber ich verstehe die Ängste dieser jungen chinesischen Frau.

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2 Kommentare:

  1. Ich finde es erstaunlich, wie unterschiedlich Familie in anderen Ländern definiert und aufgefasst wird. Ich könnte mir zum Beispiel gar keine EIn-Kind-Politik vorstellen.

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  2. Die Einking-Politik ist in meiner Vorstellung gar nichts für mich. Wenn man eine gute Beziehung führt und mehr Kinder möchte, sollte das auch möglich sein.

    LG aus Brixen Südtirol

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